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Blickpunkt Asia Pacific, Newsletter 10/2009

Autorenlesung mit ZHANG Yueran und JING Yongming

im Rahmen des Ehrengastauftritts von CHINA auf der Frankfurter Buchmesse 2009

24.September 2009 - Kölner Filmhaus

Einen interessanten Einblick in zwei überaus gegensätzliche literarische Welten bot die von der DAPG co-organisierte Lesung im Rahmen des diesjährigen Gastlandauftritts der VR China auf der Frankfurter Buchmesse. Die von Edgar Wang ebenso kenntnisreich wie einfühlsam moderierte Veranstaltung wurde für intensive Nachfragen genutzt, in deren Zentrum die Bedingungen und Inhalte einer schriftstellerischen Existenz in China standen. Die auslandserfahrene und derzeit in ihrem Heimatland überaus erfolgreiche ZHANG Yueran überraschte das Publikum mit dem Hinweis auf ihre Lieblingsband »Lacrimosa«. Im Gegensatz zu ihrem Schriftstellerkollegen JING Yongming kann sie von ihren Büchern leben. Der hat sich im Bergbau und als Restaurantbesitzer durchgeschlagen und lebt heute als leitender Angestellter einer Bergbaufirma in gesicherten Verhältnissen. (maw)

Wir dokumentieren hier Textpasagen aus Werken, die in Deutschland noch keinen Verleger gefunden haben.

Die Muschel (aus „Der Eidvogel“)

Bei einigen Sippen in der Südsee sind die menschlichen Erinnerungen wertvoller als das Leben selbst. Denn sie können außerhalb des Körpers weiter leben. Nach den Legenden sollen sich die Erinnerungen in den Muscheln verbergen.
Täglich kommen in der Südsee Menschen bei Schiffsunglücken um und ihre Leichname werden dem Meer übergeben. Während die Körper im Meer verwesen, fliehen die Erinnerungen wie frisch abgelegte Fischeier in wärmere Gewässer, wo sie sich in den weißen Muscheln verbergen. Über die Jahre hinweg dringen sie in die Muscheln ein und hinterlassen tiefe und weniger tiefe Rillen.
Angeblich soll dieses Geheimnis von einem Blinden entdeckt worden sein. Als er einmal eine Muschel berührte, vernahm er einen leisen Ton. Während seine Finger immer schneller über die Muschel strichen, begann sein Mund von Ereignissen zu erzählen, die sich lange vor seiner Geburt zugetragen hatten. Doch jedes Wort entsprach der Wahrheit, sodass keiner an seiner Glaubwürdigkeit zweifelte. Von jenem Tag an begann der Blinde überall nach Muscheln zu suchen, er aß nicht und trank nicht, sondern verbrachte jeden Tag damit Muscheln zu betasten, als wäre er verzaubert. Doch er lebte noch viele Jahre weiter. Kurz vor seinem Tod war der Geist des Blinden auf einmal hellwach. Sieben Tage und sieben Nächte lang erzählte er von Dingen, die im Laufe von einigen Jahrhunderten in seiner Sippe geschehen waren.
Chun Chi hielt die Muschel in ihrer Hand, sodass sich die Rillen darauf mit den Linien ihrer Hand verbanden. Ihr Mund näherte sich der Muschel, um ihr etwas zuzuflüstern – die Muschel antwortete leise. Ruhig lag sie in ihrer Hand, wie ein zahmes Tier.
Ich hielt mich hinter dem Paravent versteckt, um heimlich zu lauschen. Jenes weiche Geflüster faszinierte mich immer, es war wie klebrige feuchte Luft, wie der weiße Himmel, den ich als Kind von der Fensterbank aus zu erspähen versuchte. Die Antwort der Muschel hörte sich wie ein erschrockener kleiner Regen an, der auf das Dach klopfte. Das Wasser strömte durch meine ganze Kindheit und wurde am Ende zu einem großen Fluss, in den ich gerne versunken wäre, um Sklavin dieser Stimmen zu sein.
Wenn sich die Muschel an ihrer Oberfläche ein wenig erwärmt hatte, hörte sie auf zu flüstern und strich mit dem Finger darüber, einmal und noch einmal, bis sich die Muschel wie ein Kreisel drehte. Die flinken Finger fuhren über die Linien und Rillen, um Stück für Stück die Erinnerung zu pflücken ...
Als ich eines Nachmittags durstig erwachte und in die Halle lief, um zu trinken, ging ich heimlich zu ihr und versteckte mich hinter dem goldbemalten Paravent.
Sie saß am Tisch, auf dem die Muscheln wie ein wertvoller Schatz schillerten, sie hatte sie mit einem seidenen Tuch glatt gerieben, dass sie wie Korallen glänzten und wie die Wangen junger Mädchen aussahen. Als ich schlaftrunken die Muscheln erblickte, sahen sie aus wie kleine Schädel, die sich im Wind – keine Ahnung woher er kam – leicht bewegten. Ihre trockenen Augen befeuchteten sich Tropfen für Tropfen, wie ein Leuchtturm, der das schwarze Meer erhellt. Nur in diesem Augenblick konnte ich ihre Pupillen sehen. Sie waren so schön, wer hätte je gedacht, dass sie nicht sehen konnten.
Sie streckte die Finger nach ihnen aus und fuhr über ihre glatte Stirn. Wie sehr ich die Muscheln beneidete. Noch nie hatte sie mich so berührt, noch nie. Ich senkte den Kopf und lief schnell in mein Zimmer zurück, legte mich auf mein Bett und schloss die Augen. Dann griff ich nach einem Zipfel des Vorhangs aus lila Seide und wischte mir die Tränen ab.
Einmal hatte ich eine Muschel zerbrochen, die sie im Hof zum Trocknen hingelegt hatte.
Sie bestrafte mich hart, hieß mich hinknien und befahl mir die zerbrochene Muschel wieder zu kleben. Die starke frühsommerliche Sonne machte mich schwindlig, mein Knie schmerzte und meine Finger waren klebrig vom Leim. Am Ende wurde ich ohnmächtig und fiel zu Boden. Mein Knie war erleichtert.
Damals war ich dreizehn, doch ich war schon größer als Chun Chi.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich immer noch in der Mitte des Hofes, und an meinen Fingern klebte immer noch jene Muschel. Sie sah wie eine kleine Schüssel voller Sonnenschein aus, die ihren Samen in meine Hand gelegt hatte, daraus war eine Pflanze gewachsen. Während ich ohnmächtig gewesen war, hatte sie leise ihr Blut mit meinem getauscht und sich mit mir vereinigt. So waren wir zusammengewachsen und ich hörte auf sie zu hassen.
Ich klebte sie zusammen und ersetzte das fehlende Stück mich Kalk. Dann legte ich die Muschel auf den Tisch und stellte mich daneben. Ich wagte es nicht mich zu bewegen. Die Muschel war wieder geheilt, aus der Entfernung betrachtet strahlte sie hell wie ein Turm. Chun Chi griff nach der Muschel und strich leicht darüber.
Plötzlich fragte sie mich: „Findest du nicht, dass die Muscheln wie menschliche Ohren aussehen?“
Als sie mit ihren blumenroten Fingernägeln über die Muschel strich, hörte sich ihre Stimme auf einmal sehr sanft an.
Ich war überrascht und freute mich sehr. Das war das erste Mal, dass sie nach meiner Meinung fragte.
Ich nickte: „Ja, sie sehen sehr ähnlich aus.“
„Hast du schon einmal versucht mit der Muschel zu sprechen?“
„Nein.“
„Du kannst es versuchen, du musst nur ins Ohr flüstern. Sie wird dir sicher antworten.“
Ich gehorchte und begann leise mit der Muschel zu sprechen. Jene Muschel war ganz dünn geschliffen, beinahe durchsichtig, die Stimme dehnte sich in ihr aus und drehte sich im Kreis. Auf einmal konnte ich tatsächlich menschliche Stimmen hören. Das Wasser des Meeres antwortete mir Welle um Welle, dazu drehte sich die Muschel wie ein Stern. Da erst verstand ich, dass sie doch voller Geschichten war. Ich hob meinen Kopf, blickte Chun Chi an und lachte freudig auf.
Auch Chun Chi lachte, lachte wunderschön, sie hatte noch nie gelacht. Auch wenn ihr Lachen nicht lange anhielt – ich habe es für immer aufgehoben. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie bewegt ich in jenem Augenblick war, als ob das Glück eines ganzen Lebens in jenem Augenblick von meinem Körper Besitz ergriffen hätte. Niemals könnte es mehr werden, niemals könnte ich zufriedener sein.

aus dem Chinesischen von Anna Stecher und Zhang Weiyi






Zhang Yueran wurde 1982 in Jinan in der Provinz Shandong geboren und studierte Informatik in Singapur. Mit 14 Jahren veröffentlichte sie ihre ersten Erzählungen. Seither erschienen ihre Werke in verschiedenen literarischen Zeitschriften, unter anderem in „Ernte“, „Volksliteratur“, „Hibiskus“, „Blumenstadt“, „Romanwelt“ und „Shanghai Literatur“.
2003 gewann sie den zweiten Preis beim fünften College-Literaturwettbewerb in Singapur und den zweiten Preis beim Literaturwettbewerb der neuen Talente der „Shanghai Literatur“. 2004 erhielt sie den Talentpreis des Chinesischen Medien-Literaturpreises. 2005 erhielt sie den Frühlings-Literaturpreis. Ihr Roman „Der Eidvogel“ führte 2006 die Rangliste der besten chinesischen Romane an. 2008 erhielt sie den jährlichen Prosa-Preis der Zeitschrift „Volksliteratur“.
Von Zhang Yueran erschienen bisher die Erzählbande „Die Sonnenblumen gingen 1890 verloren“, „Zehn Lieben“, die Romane „Die Ferne der Kirschen“, „Narcissus flog auf dem Karpfen fort“, „Der Eidvogel“ und die illustrierten Erzählungen „Rote Schuhe“. Außerdem ist sie Herausgeberin der Buchserie „Karpfen“. Sie gilt als eine der wichtigsten jungen Autorinnen Chinas.

(Text: Ehrengast CHINA: Veranstaltungsprogramm)

Ein Pekinger Zugvogel

Der Regen hatte nachgelassen. Doch abermals erleuchtete ein Blitz den dunklen Nachhimmel. Der Donner rollte, und alles deutete darauf hin, dass ein weiterer großer Regen im Anmarsch war. Mit einer Hand hielt ich den Regenschirm, mit der anderen stützte ich Laitai. Seit jeher hatte er Schwierigkeiten mit seinen Beinen, doch in diesem Augenblick waren sie so weich, als hätten sie keine Knochen. Erst als wir uns langsam anschickten das Restaurant zu verlassen, fiel mir ein Laitai zu fragen, wo er wohne. Nicht weit weg, murmelte er, nur da hinten ...
Dahinter befanden sich einige flache baufällige Häuser, die wie temporäre Wohnstätten aussahen. So gingen wir in eine Gasse, kamen an zwei drei Türen vorbei, doch das richtige Haus fanden wir nicht. Laitai meinte, es sollte hier sein, hm, warum ist es denn nicht mehr hier ... Dann brummte er, als spräche er zu sich selbst, ist es nicht hier? Dann muss es die Gasse da hinten sein ... Ich war sehr verärgert und schimpfte die ganze Zeit. Ich rief, verdammt du bist 40 Jahre alt! Wie kannst du nur so betrunken sein, dass du dein Zuhause nicht mehr findest? Ich habe dir doch gesagt, du sollst weniger trinken, weniger trinken, hast du noch nie getrunken? Laitai lallte, er hätte sich nicht so betrinken wollen, er fand es bloß langweilig nicht zu trinken, wenn man nicht betrunken ist, ist alles unerträglich. Ich meinte, was redest du da für einen Blödsinn! Erst als ich fertig geschimpft hatte, bemerkte ich den bitteren Unterton, der in seinen Worten mitschwang.
Also schimpfte ich nicht mehr. Ich fragte ihn, ob er nicht die Hausnummer wüsste. Er meinte, es gäbe keine. Ich sagte, er solle gut nachdenken, ich fragte, wie seine Haustür aussehe. Er überlegte ein Weilchen und meinte, daneben sei eine Toilette ... Zumindest etwas. Ich meinte, gut. Dann gehen wir sie suchen? Wir waren nicht weit gekommen, da wurde sein Körper immer schwerer, sodass ich ihn nachschleifen musste. Ich meinte, gehen wir, wieso gehst du nicht weiter? Er meinte, bleiben wir hier, er wolle sich kurz hin ... Noch ehe er den Satz fertig gesprochen hatte, begann sich Laitai zu übergeben. Nach einer Weile fing er wimmernd zu weinen an. Wie er so weinte, wurde auch ich traurig. Genau genommen war es auch meine Verantwortung, wenn Laitai sein Zuhause nicht fand. Er war schon so lange nach Peking gekommen, warum hatte ich ihn noch nie bei ihm „zuhause“ besucht? Ich war doch sein Onkel, ich hatte mich wirklich zu wenig um ihn gekümmert. Auf einmal fühlte ich mich schuldig.
Ich sprach ihm gut zu, du brauchst ja nicht zu weinen.
Laitai hörte zu weinen auf, setzte sich auf den Boden und stand nicht mehr auf. Ich zerrte ihn mit Gewalt hoch, doch seine Beine waren vollkommen kraftlos, er konnte keinen Schritt mehr gehen. In der Gasse war es stockfinster, nur wenn es blitzte, leuchteten einige Häuser und Dächer gespenstisch im weißen Licht. Auf einmal hatte es stark abgekühlt, ich ahnte, dass der Sturm gleich da sein würde. Also ging ich in die Hocke und hievte ihn auf meinen Rücken.
Ich hätte nicht gedacht, dass Laitai so leicht war – er wog kaum mehr als ein Kind.
Erst nach geraumer Zeit verstand Laitai, was geschah und wollte runter. Er meinte zappelnd, Onkel, was machst du da? Ich antwortete nicht. Er meinte, du bist mein jüngster Onkel, wie kann ich mich von dir tragen lassen! Ich meinte, wenn du keine Ruhe gibst, werfe ich dich einfach ab. Da hörte er auf zu zappeln. Doch er fuhr fort zu betteln, dass ich ihn herunter lassen sollte. Er meinte, ich dürfe ihn nicht tragen, das sei unerträglich für ihn. Immer wieder rief er, Onkel, lass mich los ... So schrie und weinte er in dieser dunklen Nacht. Schließlich brachte er sogar mich zum Weinen.
Doch ich ließ ihn nicht los. Schwankend erreichten wir das Ende der Gasse. Auf der rechten Seite befand sich eine abschüssige Stelle. Auf einmal rutschte ich aus und rollte hinunter.
Ich lag mit dem Gesicht nach oben auf dem Boden. Einen Augenblick lang fühlte ich mich wie in einem Traum. Dann rollte der Donner über meinem Kopf – und der Regen begann wie aus Kübeln vom Himmel zu fallen ...

aus dem Chinesischen von Anna Stecher und Zhang Weiyi






Jing Yongming wurde 1958 in Chifeng in der Inneren Mongolei geboren. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die Prosasammlung „Verabredung der Herzen“, der Erzählband „Die Fremden“, die Romane „Der spitze Strohhut“, „Ein Pekinger Zugvogel“ und „Lauter Atem“. In den letzten Jahren erregte er vor allem mit einer Romanserie über die Wanderarbeiter in China die Aufmerksamkeit der chinesischen Leser. Jing Yongmings Werke wurden mehrfach prämiert und in über zehn Sammelbände aufgenommen. Einige wurden ins Mongolische und ins Deutsche übersetzt oder als Filme adaptiert.

(Text: Ehrengast CHINA: Veranstaltungsprogramm)



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