|
Köln ist als Partnerstadt Pekings und Sitz des Ostasiatischen Museums schon lange im Dialog mit chinesischen Partnern. Hinzugekommen ist vor drei Jahren die sichtbare Auseinandersetzung mit dem aktuellen chinesischen Film.
Durchaus mutig hat man sich entschlossen, für das erste nacholympische Jahr einen Wettbewerb auszuschreiben. Aus den über 80 Einreichungen kondensierten die Veranstalter schließlich Visions of China. Dass man sich in diesem Stadium mit einer Jury nicht überheben wollte, leuchtet ein. Es gab einen Publikumspreis. Wichtiger war wohl die Entscheidung, mit Odongoo Shiiter eine Kuratorin mit Szenekontakten zu verpflichten. Dies und die wache Neugier des Festivalleiters Dirk Werner ergab ein filmisches Spektrum, das zahlreiche Abschlussarbeiten an den Filmhochschulen ebenso einschloss wie den Kassenschlager If you are the one ("fei cheng wu rao") mit Publikumsliebling GE You. Bemerkenswert ist, wie direkt sich die jüngere Generation der Filmemacher auf alltägliche und zwischenmenschliche Sujets einlässt. LU Xuechang, Absolvent der Pekinger Filmakademie Mitte der 80er Jahre, gehört zu den Protagonisten dieser Bewegung, auf den sich die Jüngeren beziehen.
Der Traum von Olympia ist Folie und Fluchtpunkt vieler Geschichten: Motivation für eine ad hoc-Tanzgruppe aus Mitfünfzigern (Quick, quick, slow, "quaoji 50") ebenso wie für die uigurischen Fußballgötter in Maimaiti's 2008 ("Maimaiti de 2008"). Für die intelligenteste Auseinandersetzung mit diesem Großereignis im großen China aber braucht der Kurzfilm That Day ("Natian") gerade mal 5 Minuten. Er parallelisiert die siebenjähige Vorbereitung Chinas auf Olympia mit den sieben Jahren, die WU Yanni für ihre Rolle in der Kunqu Oper geübt hat (Produktion: LIN Hang). Frauen halten in vielen dieser Filme einer von Männern und Traditionen bestimmten Welt den Spiegel vor und verändern sie. Manchmal halten sie auch einfach nur durch. In Maid in China ("Zhongguo A´yi") spielt BIN Hai dieses Unversaldienstmädchen, das die Haushalte der Expats umsorgt. Eigentlich hat sie nur Probleme: sie verliert den Job, wird von der Kioskbesitzerin erpresst und schließlich aus dem Viertel geworfen. Aber sie verliert nie die Fähigkeit, ihr unbesiegbares Lächeln in sich hineinzulächeln (Buch, Regie: ZHENG Xu). Age of Repairing Hymen ("Xiufu Chu´nvmo Shidai"), auch dies ein Kurzfilm, ist dagegen ein knallhartes Statement gegen die in China gängige Operation des Jungfernhäutchens (Buch, Regie: CUI Jian).
Viele der originellsten und frischesten Filme waren im Kurzfilmprogramm zu entdecken. Es gab aber einen Langfilm, der viele Kurzfilme mit seiner Expimentierfreude und mit der Kompromisslosigkeit seiner Geschichte getopt hat: The Journey away ("wei da de wei") zeigt einen jugendlichen Ausreißer auf der Suche nach seinem leiblichen Vater, den er nicht kennt, im Grunde aber: nach sich selbst. Ein Road Movie mit Schwesterchen, animierten Szenen und fabelhaften Dialogen über den 6.Sinn (Regie, Drehbuch, Kamera: WANG Zhi). Ja und dann gab es ihn doch noch: den Dokumentarfilm, der keine Durchgangsstation sein will sondern für sich steht und ans Herz geht, obwohl oder gerade weil er nur zeigt. Don't ask who I am ("Bie wen wo shi shui") begleitet die Mann-zur-Frau-Transsexuelle LIU Xuanyi in ihrem Alltag als Unterhaltungstänzerin, bei Freunden und früheren Bekannten. Die Professionalität, mit der die Kamera hier "teilnimmt", ist bemerkenswert und auch angebracht, denn sie wird Zeuge einer Verletzlichkeit, die wir dem Privaten zuordnen würden, die aber im Leben Liu's permanent öffentlich wird (einfach alles: ZHENG Yi).
Dieser Bericht ist zusammen mit einem Interview mit Lu Xuechang in der Zeitschrift »Film und TV Kameramann« (11.2009) erschienen. Dank an Jun Yan für Übersetzung und Hinweise.
|

Maid in China ("Zhongguo A´yi")
|