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Blickpunkt Asia Pacific, Newsletter 03/2010

Elektro-Autos und Elektro-Roller aus China

Weil die Bundesregierung erst Kaufanreize schaffen will, wenn einheimische Hersteller Fahrzeuge in Masse fertigen können

Peter Meyer, City Express, Hamburg*

Mit einem Hamburger China-Importeur besuchte ich Auto-Fabriken in Jingdezhen und in Weihai sowie einen Elektroauto-Hersteller: LUJO ist ein Zusammenschluss einer vormals staatlichen Forschungseinrichtung und des Batterieoptimierungsbetriebs PTC, welcher - mit 20 Mio. RMB staatlich gefördert - als eines von weiteren anderen chinesischen Unternehmen Elektromobilität vorantreiben soll. Seit 2000 beschäftigt sich der Gründer James Yue mit der Entwicklung von Elektrofahrzeugen. 2008 stieg der Australier Bruce Chan als Investor mit 10 Mio. RMB (1 Mio Euro) ein. Die Firma wurde in LUJO umbenannt, kauft von Automobilwerken komplette Karosserien ohne Benzin-Motor und baut in diese ihre Elektro-Motoren-Technik ein.

Der 63-jährige Importeur hatte bisher Motorräder und Quads aus China importiert. 2007 wurde er von seinen chinesischen Geschäftsfreunden gefragt, ob er in Deutschland chinesische Elektro-Autos verkaufen wolle. Da der Ölpreis gerade wieder stark gestiegen war und die Elektro-Auto-Debatte verstärkt zunahm, prüfte er 2007 diverse Elektro-Fahrzeughersteller in China. 2008 erhielt er zwei Musterfahrzeuge von zwei verschiedenen Herstellern: Er besuchte diese Firmen 2008 erneut für Detailklärungen und entschied sich für die Firma LUJO als Partner. Er experimentierte mit Partnerwerkstätten und Ingenieuren an den Fahrzeugen, um Verbesserungen vorzunehmen und fand Wege, wie die e-Autos in Deutschland zugelassen werden können. Detailfragen und eine vertragliche Vereinbarung machten eine dritte Reise nach China notwendig.

Mit dem Elektromotor mühelos durch die österreichischen Alpen

Der Importeur stellte ein Foto seiner beiden Musterfahrzeuge ins Internet und schaltete 2008 eine simple Kleinanzeige in einem Forum. Er bekam viele Anfragen. Daraus ergab sich in der Folge, dass in Deutschland und Österreich 80 potentielle Autohändler Interesse bekundeten, diese chinesischen Elektro-Autos zu verkaufen. Der künftige österreichische Generalvertreter begleitete ihn auf seiner zweiten Chinareise Mitte 2008. Im Sommer 2009 präsentierte er ein E-Auto in den österreichischen Alpen, die vom Elektromotor mühelos im vollbesetzten Auto genommen wurden. Besonderes Interesse bekundeten diverse Kommunen zwischen Flensburg und Bodensee an elektrobetriebenen Kleintransportern.

Nachdem vermehrt Diskussionen über Nachhaltigkeit in der Logistik stattfanden als auch der Elektromobilitätsplan der Bundesregierung breiten Raum in der Öffentlichkeit einnahm, erkannte ich als Chance einerseits einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten und andererseits meine Firma innovativ mit neuen Aufträgen in die Zukunft zu führen, indem ich schnellstmöglich einige Elektro-Autos und Elektro-Roller in Hamburg für Kurierfahrten einsetzte. Bis auf kostspielige Umbauten sind momentan aber keine Fahrzeuge erhältlich und die für Ende 2010 angekündigten japanischen und französischen Modelle werden viel zu teuer sein, als dass sie sich im gewerblich Einsatz amortisieren würden, ebenso wie die deutschen Prototypen aus Kleinstserien für die acht Modellregionen. Die klaren Aussagen der Bundesregierung, für die Anschaffung von Elektroautos keine Kaufanreize zu schaffen, bis die deutsche Automobilindustrie selbstentwickelte Fahrzeuge anbieten würde, was wohl nicht vor 2013 der Fall sein wird, veranlassten mich im Internet zu suchen. Ich wollte sofort anfangen umweltfreundliche Transporte mit Elektrofahrzeugen durchzuführen und nicht bis 2013 warten. Über das Internet wurde ich auf den Importeur aufmerksam, der mir sein e-Auto für eine paar Tage zu Testzwecken zur Verfügung stellte. Meine Meinung, dass der Elektromotor den Verbrennungsmotor im Auto ablösen würde, festigte sich nach dem Test - auch wenn ich noch Änderungswünsche an der Technik für den praktischen Einsatz hatte.

Noch bevor ich den Importeur im Internet fand, googelte ich nach Elektro-Autos/electric cars und wurde zügig auf chinesische Anbieter aufmerksam. U.a. auch auf LUJO, mit denen ich email-Kontakt aufnahm. Man bot mir u.a. an, mein Wunschauto nach China zu schicken, um es umzurüsten und wieder zurück zusenden. Das erschien mir zu aufwändig. Man gab mir den Hinweis, dass LUJO bereits nach Deutschland exportiert hätte. Ich könnte mir einen Wagen in Deutschland ansehen. Es stellte sich heraus, dass es der Wagen des Hamburger Importeurs war. Ich fragte ihn, ob ich ihn nach China begleiten dürfte. Es schwante mir, dass sich für meine Firma noch mehr Möglichkeiten ergeben könnten, als der Einsatz von Elektro-Autos in meinem Kurierdienst.

Sind chinesische Elektroautos in Deutschland nicht erwünscht?

Neben dem Besuch bei LUJO waren Besichtigungen in Autofabriken geplant, die die Chassis herstellen, in die von LUJO die Elektromotoren und die Steuerung eingebaut werden, sowie die Konsultation bei einem spanischen „TÜV“ in Shanghai, welcher bereits eine europäische Zulassungsbescheinigung für ein rein chinesisches Elektroauto nach Spanien erteilt hatte.

Vom kalten Peking aus flogen wir direkt in den warmen Süden Chinas nach Jingdezhen, wo wir auf eine Delegation um den Ingenieur, Mitinhaber und Gründer von LUJO, James Yue trafen. Da der Importeur kein Chinesisch und Herr Yue kein Englisch sprachen, begleitete uns der 38-jährige, exzellente Übersetzer und Reiseleiter Herr Jin Zhang. Wir besichtigten hier eine staatliche Autofabrik, die durch ein Joint-Venture mit einem großen japanischen Kleinwagenhersteller entstand.

Die Montagequalität hat mich überzeugt. Die Handarbeit ist ähnlich wie in westlichen Autofabriken. Von den hier in großer Stückzahl gebauten chinesischen Benzinern mit japanischer Technik wurden einige Modelle bereits an einen italienischen Bushersteller als Bausatz verkauft, der diese Typen mit europäischen Teilen ergänzt und in Europa verkauft. Diese Modelle erfüllen wichtige technische Sicherheitsanforderungen für in Europa zuzulassende Fahrzeuge, so dass sie als Basis für Elektro-Autos in Frage kommen. Es existieren darüber deutsche TÜV-Unterlagen. Das vereinfacht die Erteilung der Zulassungszertifikate – möchte man meinen (TÜV-Rückmeldungen lassen Zweifel aufkommen. Ich werde den Eindruck nicht los, dass chinesische Elektro-Fahrzeuge in Deutschland nicht erwünscht sind). Technische und administrative Themen bestimmten mehrere Tage unser Programm. Fast alle Hürden dieser Art konnten genommen werden, was durchaus mühsam und zähfließend war vor dem Hintergrund, dass alles gedolmetscht werden musste. Mit einigen LUJO-Leuten konnte ich mich in englisch intensiv über Marketing und Absatzfragen und mich interessierende technische Details austauschen.

Akzeptabel ist für mich zunächst, dass Elektro-Autofahren mit der ersten Generation dieser Fahrzeuge nicht gleichzusetzen ist wie das Fahren mit Benzinern, wenngleich man das aber eigentlich erwartet. Es gibt fast kein Motorengeräusch und man spürt die Kraft des Motors irgendwie anders. Auch reagiert das Gaspedal anders, besonders in Abhängigkeit von der Stärke des Elektromotors. Vorzugsweise wird von Chinesen ein e-Motor mit geringer kw-Leistung eingesetzt. Grundsätzlich reicht der bei dem Gewicht von Kleinwagen aus, um zügig zu fahren. In China herrscht übrigens ein anderer Fahrstil als in deutschen Städten. Es gibt kaum Ampeln, alle fahren irgendwie – chaotisch, viel mit Gehupe – und kommen doch zügig über alle Kreuzungen, meist gemächlich. Anders bei uns: Aufgrund vieler Ampeln in kurzen Abständen, wollen wir deutsche Autofahrer immer schnell die Kreuzung hinter uns lassen und fahren vom Start weg sehr zügig an. Mit dem kleinen Elektromotor kommt man aber nicht schnell genug „in die Puschen“, fand ich. Im Verkehr mitschwimmen, so ab 50-70 kmh ist für kleine Elektroautos kein Problem, aber vom Stand auf 30-40 kmh zu kommen, das dauert mir mit einem 11 kw-Motor doch zu lange.

Ich bestellte drei verschiedene Fahrzeuge mit stärkeren Motoren, um zumindest eine ähnlich Beschleunigung wie bei Benzinern zu erreichen.


Kleintransporter: 1 Tonner – Kleinbus: 7-Sitzer – Kleinwagen: Fünftürer – e-Autos Made In China by LUJO, Weihai

Spanische Regierung fördert mit hohen Kaufanreizen die Elektromobilität

Nun sind wir Deutschen nicht die einzigen Europäer in China, die Elektro-Autos importieren wollen. Allen voran haben Spanier bereits Verträge geschlossen und Autos bestellt. Nach Spanien sollen bereits mehr als 6.000 Elektro-Autos hauptsächlich an staatliche spanische Stellen geliefert worden sein. LUJO erhielt von einem spanischen Autohändler, der 1000 Bestellungen vorliegen hat, den Auftrag für ein chinesisches Elektroauto in China bei einem spanischem „TÜV“ die europäische Typengenehmigung zu erwirken. Dafür zahlten die Spanier vorab 80.000 Euro an LUJO. Den Betrag werden sie schnell wieder verdient haben, denn die Spanische Regierung fördert mit hohen Kaufanreizen die Elektromobilität, im Gegensatz zu Deutschland. Bis 2015 bereits sollen in Spanien 1 Mio. Elektroautos fahren. Im Vergleich: In Deutschland erst im Jahre 2020. Auch wurde in Spanien beschlossen, dass in 2015 mind. 80% des spanischen staatlichen Fuhrparks mit Elektromotoren ausgestattet sein sollen. Dafür werden deutsche Luxusautohersteller dann wohl führend in der Technologie sein – für eine gutbetuchte Minderheit.

Carbodies ohne Motor

In Weihai besichtigten wir auch einen Transporterhersteller, mit dem LUJO eng zusammenarbeitet. Für diese Typen werden die Elektromotoren direkt in deren Werk montiert. Die Kleintransporter (VW-Bus-Größe) sind mit Einzel- oder Doppelkabine als Pritsche oder mit Kofferaufbau erhältlich und für den innerstädtischen Lieferverkehr und öffentliche Betrieb deutscher Kommunen gut geeignet. Für die Batterien ist unter der Ladefläche ausreichend Platz. Üblicherweise sitzt der Motor vorn. Bei diesen Kleintransportern erfolgt die Kraftübertragung noch auf die Kardanwelle und treibt die Hinterachse an. Im Elektrobetrieb wird dabei aber unnötig Energie verbraucht. LUJO will deshalb eine neue Hinterachse entwickeln, in der der Elektromotor direkt integriert ist. Das spart Strom und ist effizienter.

Anders als in der westlichen Welt kann man in China carbodies (Auto-Chassis) von den Autofabriken ohne Motor etc. kaufen und für eigene Zwecke umbauen. Es gibt europäische Firmen, die diese carbodies importieren, um sie in der Heimat mit ihrer Antriebstechnik auszurüsten. Die chinesischen Autofabriken haben durchaus ein Interesse an diesen Geschäften.

Grundsätzlich hat mich die chinesische Qualität der Elektromobile überzeugt. Ich werde die Fahrzeuge nicht nur in meinem Fuhrpark bei City Express einsetzen, sondern auch dem Händlernetz des Importeurs beitreten und solche Autos in Hamburg verkaufen. Da wir bei City Express am Berliner Tor in Innenstadtnähe über einen leer stehenden 150 qm großen Raum mit Schaufensterflächen verfügen, werden wir hier einen Showroom zur Ausstellung von Elektro-Autos und Elektro-Rollern einrichten. Die ersten beiden chinesischen e-Autos, einen fünftürigen Kleinwagen und einen Kleintransporter mit Kofferaufbau, erwarte ich Anfang April 2010.

Jungen chinesischen Firmen fehlt es häufig an Liquidität

Prinzipiell kann LUJO die Elektroautos bauen und liefern. Grundsätzlich fehlt es solchen jungen chinesischen Firmen aber an Liquidität für eine zeitgemäße Auftragsabwicklung und zeitnaher Produktion sowie Verschiffung der Autos. Für die bestellten Autos muss von Deutschland aus die Hälfte des Endverkaufspreises angezahlt werden. Erst nach Geldeingang kann LUJO die carbodies beim Werk kaufen, sie in seine Werkshallen liefern lassen und dann mit den Elektromotoren versehen. Von Bestellung bis Auslieferung in Deutschland vergehen ca. 3-5 Monate.

Es werden bewährte und von LUJO weiterentwickelte Blei-Gel Batterien verwendet, die 2-3 Jahre halten. Ein neuer Satz Batterien für einen Pkw kostet ca. 1100,- Euro. Diese Batterien können zu 100% recycelt werden. Dafür gibt es in Deutschland darauf spezialisierte Firmen. Diese Energiespeicher halte ich momentan für praktischer und wirtschaftlicher als die neue Lithium-Ionen Akku-Technologie, die mehr als zehnmal so teuer ist, bei angeblich dreifacher Lebensdauer (ca. 9 Jahre).

Der Kleinwagen dürfte hier mit einem Einführungspreis von knapp unter 20.000,- Euro inkl. Batterien liegen, der Kleintransporter etwas über 20.000,- Euro. Das wird hierzulande einige Zeit konkurrenzlos sein.

Im Februar 2010 war ich erneut bei LUJO in China. Die von mir bestellten drei Fahrzeuge waren fertiggestellt und ich musste die technische Abnahme vornehmen, bevor sie nach Deutschland per Container verschifft werden sollten.

Von den Fahrergebnissen der drei e-Autos war ich begeistert - zügige Beschleunigung und angemessen hohe Endgeschwindigkeit von über 100 kmh. Wenngleich man mit dieser Fahrweise natürlich viel Strom verbraucht, würde man permanent so fahren. Nein, es geht mir darum, zu wissen, dass ich gut beschleunigen kann, wenn es nötig ist und auch auf einer innerstädtischen Schnellstraße mal schneller als 50 kmh fahren zu können. Gerade bei Elektro-Autos ist das Haushalten mit Energie wichtig. Es schont die Lebensdauer der Batterien und sichert die Reichweite. Im Fall meiner drei e-Autos sollen es ca. 150 km sein. Das wird der Praxistest in Hamburg dann zeigen.

Von den drei Fahrzeugen musste ich eines zunächst in Weihai zurück lassen. Beim siebensitzigen Kleinbus müssen die Fensterscheiben ausgetauscht werden, weil sie ohne sogenannte E-Kennzeichen waren. Sie belegen üblicherweise, dass die Scheiben europäische Sicherheitskriterien erfüllen. Nach erfolgtem Austausch geht der Bus separat per Seereise nach Hamburg.

Am „Tag der Logistik“, welcher bundesweit am 15. April stattfindet, wo Logistik-Unternehmen der interessierten Öffentlichkeit Einblick in ihre Geschäftsabläufe gewähren, wollen wir unsere Elektro-Fahrzeuge in unserem Auto-Showroom vorstellen. Zwischenzeitlich sind die ersten Elektro-Roller aus China eingetroffen. Auf dem Gepäckträger installieren wir eine Plastik Cargo Box wie bei den Pizza-Diensten und transportieren in den Innenstädten schnell und CO2-frei alles, was in die Box passt. Jetzt muss nur noch ein Vertrag mit einem Natur-Strom-Lieferanten für die Ladestation geschlossen werden. Denn wirklich sauber fährt ein E-Mobil nur mit erneuerbarer Energie.


(*) Peter Meyer wird als Verkehrsfachwirt 1996 Existengründer und übernimmt - nach Stationen bei DHL, TNT, Lufthansa, DER KURIER und NightLine als Kurierfahrer, Vertriebler, Niederlassungsleiter, Prokurist und Geschäftsführer - die 1973 gegründete Firma City Express Transportgesellschaft und die Tochterfirma Courier Express GmbH Hamburg. Er baut die Firma aus, die heute mit 180 selbständigen Kurieren und 20 kaufmännischen Mitarbeitern zu den führenden Stadtkurierdiensten Hamburgs gehört.

.E-Mail: p.meyer@cityexpress.de

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