Blickpunkt

 

Inhalt aktuell

 
 
 
 
 
 
 
Blickpunkt Asia Pacific 10/2011

Berufsbildung in Indien


Monika Muylkens, Marktinformation und Studien, iMOVE, Bonn

Die Wirtschaft in Indien soll zukünftig verstärkt selbst die Ausbildung von qualifizierten Fachkräften übernehmen. Die indische Regierung reagiert so auf Forderungen von Handel und Industrie sowie auf den Druck, die demographische Dividende des Landes nicht ins Gegenteil zu verkehren. Bereits heute sind etwa 31 Prozent der indischen Bevölkerung unter 14 Jahren. Unternehmen in Indien und deutschen Aus- und Weiterbildungsdienstleistern bieten sich gute Chancen von den laufenden Reformen zu profitieren und diese im eigenen Interesse zu beeinflussen. Privatsektorinitiativen in der Berufsbildung werden gefördert. Außerdem können deutsche Firmen ihre Standards durch sogenannte Sector Skill Councils langfristig etablieren. Die Initiative iMOVE kann sie dabei unterstützen.

Berufsbildung in Indien - Ausgangslage

Berufsbildung wird in Indien bisher überwiegend durch den Staat angeboten. Die Zuständigkeit für die Berufsbildung liegt bisher beim indischen Arbeitsministerium. Insgesamt sind aber 17 Ministerien mit unterschiedlichen Aspekten der Berufsbildung in unterschiedlichen Branchen befasst. Dem Arbeitsministerium unterstehen vor allem die „Industrial Training Institutes“ (ITIs) und eine Reihe zentraler Institute mit spezialisierten Aufgaben, wie etwa die „Advanced Training Institutes“ (ATIs). Außerdem ist das Arbeitsministerium auch für den „Apprenticeship Act“, welcher die formalisierte Ausbildung in Betrieben regelt, verantwortlich. Etwa 300.000 Auszubildende, ein Bruchteil des Bedarfs, sind im Rahmen dieser Regelung in Firmen tätig.

Ferner wird in privaten ITIs entlang der Regularien des Arbeitsministeriums ausgebildet. Dort wird zunehmend auch nach dem modularisierten System (Modular Employable Skills (EMS)) ausgebildet. Die Zuständigkeit für berufspraktische Fächer an allgemeinbildenden Schulen liegt beim indischen Bildungsministerium (MHRD). Die Umsetzung der Berufsausbildung erfolgt auf Ebene der Bundesstaaten. Außerdem erhalten viele junge Leute eine Anlernausbildung in Betrieben. Diese Ausbildung ist nicht formalisiert, ihre Qualität hängt ganz von den fachlichen und pädagogischen Fähigkeiten der anlernenden Person, und deren Bereitschaft zur Vermittlung ab. Darüber hinaus versuchen manche Unternehmen ihren eigenen Fachkräftebedarf durch eigene Trainingsakademien zu decken.

National Skill Development Initiative/ National Skill Development Corporation (NSDC)

Im Februar 2009 verabschiedete das Kabinett die „National Skill Development Initiative“ [> Pdf herunterladen]. Sie setzt ambitionierte Ziele: Bis 2022 sollen 500 Millionen Menschen durch Ausbildung in die Lage versetzt werden, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die groß angelegte Initiative wird nicht nur von der Planungskommission und etlichen mit Berufsbildung befassten Ministerien getragen. Sie genießt auch besondere Aufmerksamkeit des Premierministers. Neben den gesellschaftlichen Zielen soll die Initiative auch Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der indischen Wirtschaft verbessern. Die Regierung, besonders das federführende Arbeitsministerium, wird sich vermutlich langfristig auf die Rolle eines Katalysators zurückziehen und besonders die praxisorientierte und innerbetriebliche Ausbildung der Wirtschaft überlassen.

Ein wichtiges und effizientes Instrument der Reform ist die neu eingerichtete „National Skill Development Corporation“ (NSDC) (http://nsdcindia.org). Die NSDC erfüllt zwei zentrale Aufgaben. Einerseits initiiert, koordiniert und fördert die NSDC Initiativen der privaten Wirtschaft zur Entwicklung der Berufsbildung. Ferner ist die NSDC für die Zulassung der Sector Skill Councils (SSCs) zuständig.

Privatsektorinitiativen in der Berufsbildung

Abhängig vom erwarteten finanziellen Gewinn der Maßnahme, der jeweiligen Zielgruppe und den beteiligten Einrichtungen setzt die NSDC unterschiedliche Förderinstrumente ein. Ziel ist es in jedem Fall, solche Berufsbildungsmaßnahmen zu fördern, die skalierbar und kommerziell profitabel sein werden. Der NSDC liegen bereits einige Anträge auf Unterstützung unter Beteiligung deutscher Unternehmen und deutscher Anbieter beruflicher Aus- und Weiterbildung vor, die durch iMOVE (www.imove-germany.de) vermittelt und begleitet wurden.

Neben der Unterstützung durch die NSDC können deutsche Anbieter beruflicher Aus- und Weiterbildung davon profitieren, dass die indische Regierung nun auch ausländische private Anbieter auf diesem Markt zugelassen hat. Neuerdings dürfen private Anbieter auch Institute für die Ausbildung von beruflichem Lehrpersonal einrichten. Der Bedarf in diesem Bereich ist so groß, dass er kaum erschöpfend zu bedienen sein wird.

iMOVE hat jüngst eine Sammlung von acht Erfolgsgeschichten von deutschen Anbietern in der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Indien veröffentlicht [ > Pdf herunterladen].


Sector Skill Councils

In 21 Wirtschaftssektoren soll jeweils ein Sector Skill Council (SSC) gebildet werden, welches durch eine repräsentative Anzahl von Unternehmen oder Verbänden einen typischen Branchenquerschnitt darstellen soll. Jedes SSC soll für seine Branche die berufliche Aus- und Weiterbildung regeln und durchführen. Wenngleich der Begriff der Sector Skill Councils dem angelsächsische Ansatz entliehen ist, sucht die zuständige NSDC nach einem eigenen indischen Modell. Hierbei blickt die NSDC auch mit Interesse auf Zuständigkeiten und Funktionsweisen der deutschen Kammern in der Beruflichen Bildung.

Zu den Aufgaben der SSCs gehören die Erfassung von Trainingsbedarfen, die Entwicklung von Ausbildungsstandards, die Zulassung von Bildungsanbietern sowie die Ausbildung von beruflichem Lehrpersonal. Deutsche Unternehmen können sich ebenfalls in den SSCs engagieren. Für sie besteht gegenwärtig die Möglichkeit, gezielt auf Ausbildungsstandards, technische Inhalte und Berufsprofile Einfluss zu nehmen. Bereits gegründet sind die SSCs in den Branchen KfZ, Sicherheit und Energie. In Gründung befindlich sind die SSCs im Bereich Einzelhandel, Medien & Unterhaltung und IT / ITES (IT-enabled services). Weitere Branchen sollen bald folgen.