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Sudhir Venkatesh: Underground Economy. Was Gangs und Unternehmen gemeinsam haben

Rezensent: Dr. Wolfgang-Peter Zingel, SAI Heidelberg, Abteilung Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik

“Gangleader for a day: a rogue sociologist takes to the streets” ist der Titel des internationalen Bestsellers; er beschreibt den Inhalt weit besser als der deutsche Titel. Der etwas reißerische deutsche Untertitel trifft den Inhalt insoweit, als Organisationen jeder Art Gemeinsamkeiten aufweisen; was die Praktiken des Crack-Handels betrifft, so lassen sich am ehesten Parallelen zum aggressiven System-Vertrieb herstellen. Venkatesh untersucht Armut in den Ghettos der Schwarzen in den USA und die Überlebensstrategien ihrer Bewohner. Durch Zufall gerät der Autor als Student bei seinem ersten Versuch einer systematischen Befragung in den Kreis junger Drogenhändler und stellt schnell fest, dass sich die Lebenswelt der Slumbewohner mit Hilfe von Fragebögen kaum erfassen lässt. Die teilnehmende Beobachtung über Jahre hinweg erlaubt dem Autor, der damit zum Star der akademischen Szene in den USA wurde, nicht nur vielfältige Einsichten, sondern wird für ihn schließlich zur Gefahr, da sich seine neue Umgebung keine rechte Vorstellung davon machen kann, was er eigentlich mit seiner Arbeit bezweckt. So lässt er den Chef der Drogenbande im Glauben, dass er ein Buch über ihn schreibt, während ihn andere für einen Polizeispitzel halten und korrupte Polizisten verhindern wollen, dass er ihre Machenschaften aufdeckt. Während er feststellen muss, dass seine wissenschaftliche Neugier zuallererst seiner Karriere dienlich ist und er seine Freunde dafür missbraucht, dient er diesen unfreiwillig als Informant. Hinzu kommen juristische Bedenken. So ist leicht zu erklären, dass er seine Erfahrungen in dieser Form erst zehn Jahre nach Abschluss dieser Arbeiten veröffentlicht, lange nachdem die Siedlung abgerissen wurde, ihre Bewohner weggezogen sind und sich die Gang aufgelöst hat.

Die Geschichte seiner Forschungsarbeit liest sich wie ein Roman; vielleicht bleiben die Einsichten in die Struktur und Dynamik eines sozialen Brennpunktes deshalb so eindringlich. Ganz nebenbei deckt er erhebliche Fehler auf, die sich bei “systematischen” Arbeiten einschleichen, so zum Beispiel die erheblichen Unterzählungen der (häufig illegalen) Bewohner oder die Überzählung alleinerziehender Mütter (die ihre Sozialhilfe verlieren, wenn herauskommt, dass die Ehemänner mit in der Sozialwohnung wohnen). Die enge Verflechtung von legalen und illegalen Aktivitäten sowohl der Slumbewohner als auch der Sozialarbeiter und Polizisten gilt sicher nicht nur für diesen Mikrokosmos. Da dort Ordnungshüter und Krankenwagen im Notfall nicht erscheinen, bilden sich andere Strukturen als in den wohlhabenderen Vierteln heraus. Die “underground economy” ist keineswegs autark: Die eher bescheidenen Einkünfte der Fußsoldaten des Drogenhandels reichen für die Lebenshaltung nicht aus, zumal nur ein Teil der Sozialleistungen bei ihnen ankommt, weil alle möglichen rentensuchenden Intermediäre ihren Teil abzweigen. Auch unter den Drogenhändlern gehen viele zur Schule, viele Slumbewohner haben einen Zuverdienst.

Die Untergrundökonomie wird nicht in toto beschrieben; es ist deshalb auch nicht möglich abzuschätzen, wie groß sie insgesamt (im untersuchten Ghetto) ist, welche Anteile Arbeitseinkommen (von außen), interne Wertschöpfung, Drogeneinkommen und Sozialleistungen haben. Es sind zumindest drei Bereiche der Untergrundökonomie zu erkennen: Zum ersten die vielfältigen wirtschaftlichen Aktivitäten der Bewohner in Form von kleinen Dienstleistungen: grundsätzlich legal, aber nicht registriert, nicht versteuert und beim Sozialamt nicht angegeben; zum zweiten die rentensuchenden, oft illegalen Aktivitäten aller derjenigen, die Staatsmacht vor Ort repräsentieren und staatliche Gelder verteilen, und zum dritten die eindeutig illegalen Aktivitäten des Drogenhandels und anderer schwerer Delikte, die zur Absicherung ihres “Geschäfts” Aufgaben von Verwaltung, Polizei, Gericht und Sozialamt übernehmen und ihre Rolle gerne moralisch überhöht sehen, weil sie die Interessen ihrer Community (in diesem Fall der Schwarzen) wahrnehmen.

Was der Autor gleich zu Beginn seiner Arbeit lernt, ist, dass es keinen romantischen Ethos der Armut gibt, die Biographien der Armen meist gebrochen sind und sie generell den Eindruck haben, als Schwarze nur Bürger zweiter Klasse zu sein. Die immer wieder auftauchende Frage, ob und inwieweit wissenschaftliche Untersuchungen den Armen wirklich helfen, ist in soweit positiv zu beantworten, als es dem Autor gelingt, die Armen - und nicht die Armut - in den Mittelpunkt seines Buches zu stellen. Die Schwierigkeit der Bewertung ihrer Biographien erfährt der Autor, als der den Bandenführer für einen Tag vertreten darf.

Der aufmerksame Leser wird sich fragen, ob es eine solche Schattenwirtschaft auch in seiner Umgebung gibt und je nach seinen Erfahrungen Parallelen entdecken, wenn auch nicht in dieser Intensität. Letztlich ist das Projekt der Konzentration sozialer Randgruppen in einer Reihe von Wohnsilos mit jeweils bis zu eintausend Bewohnern, gescheitert. Der Versuch, soziale Probleme zu verbannen, kann nicht gelingen, weil sie dort nicht gelöst, sondern nur verstärkt werden.

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Sudhir Venkatesh: Underground Economy. Was Gangs und Unternehmen gemeinsam haben. Aus dem Amerikanischen von Christoph Bausum. Berlin: Econ 2008. 331 S. ISBN 978-3-430-20019-6. 18.00 €.


Dr. Wolfgang-Peter Zingel, Südasien-Institut der Universität Heidelberg, Abteilung Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik
E-Mail: h93@ix.urz.uni-heidelberg.de